Aufgeschminkte Bärte auf Mädchenbacken

„Schatzinsel“-Premiere im Rittersaal von Hellenstein: JuMP-Darsteller zeigen mitreißende Begeisterung in femininer Inszenierung.

Gut. 40 Akteure haben mit großer Begeisterung und über Monate auf die Premiere im Rittersaal hingearbeitet. Pünktlich wird das Wetter gut – und die Begeisterung der Jugendlichen überträgt sich aufs Publikum, das das Openair-Musical „Die Schatzinsel“ sichtlich genießt. Doch das mitreißende Engagement der jungen Truppe kann nicht darüber hinweg täuschen, dass schon das Musical, mit viel Sprechtheater- und auch epischen Momenten, nicht eben vom Hocker haut. Auch das sehr junge Ensemble, sehr weitgehend frisch zusammen gestellt, kann sängerisch wie schauspielerisch nicht voll überzeugen. Dennoch: Viel Fun bei JuMP.

„Wie vermisse ich den Käs“: Einen Glanzpunkt setzt Philipp Lang als Ausgesetzter; expressiv hampelt sich der Musikstudent in die Herzen des Publikums. Seine Figur wurde einst vom legendären Piraten Flint auf der Schatzinsel zurück gelassen; und jetzt hilft er den neuen Schatzsuchern, die prall gefüllte Kiste auch zu finden – und sich durchzusetzen gegen die meuternde Matrosen, die den Schatz für sich wollen.

14 Songs sieht das Musical „Die Schatzinsel“ vor; und die musikalische Grundlage wird routiniert gelegt von Markus Munzer-Dorn und seinen vier musikalischen Mitstreitern – die leider das ganze Musical über im Verborgenen agieren. Platz genug im Sichtbereich wäre gewesen; und die Sichtbarkeit der Livemusik hätte dem Gesamteindruck der Inszenierung von Oliver von Fürich nicht geschadet.

Von Fürich selber setzt eingangs in der Sprechrolle des ehemaligen Piraten, der die Reichtum wie Gefahr verheißende Karte der Schatzinsel besitzt, raumgreifende Akzente. Die Barszene ist wie die folgenden Szenen vor dem Ablegen, auf dem Schiff oder der Insel, sehr bewegt angelegt: Da ist nichts Statisches; das hübsch-sinnige Bühnenbild tut ein Übriges, um Guckfreude zu verschaffen. Nette Einfälle sind zu beobachten.

Das Ensemble legt sich mit Macht und erkennbarer Spiellust ins Zeug, um die Piratengeschichte am Wind zu halten. Vornedran die erfahrene JuMP-Darstellerin Julia Schwarz, die sich in ihrem siebten Jahr rollenbedingt ein wenig zurückhalten muss. Eigentliche Hauptperson im Musical ist der Kajütenjunge Jim Hawkins, der von der 14jährigen Kathrin Sowik mit viel natürlichem Charme verkörpert wird. Da steht ein zartes Mädchen als unverwöhnter Junge im rauen Milieu – und singend wie spielerisch vermag Sowik die An- und Zumutungen des Knaben glaubhaft zu vermitteln.

Überhaupt ist die Inszenierung ein sympathischer Appell an die Fantasie des Betrachters, weil das Ensemble, ganz überwiegend aus Mädchen und jungen Frauen bestehend, das herb-brutale Ambiente früherer Seefahrt und insbesondere des Piratentums auf lebendige Weise thematisiert. Da wird die Stimme schon mal rau und die Bewegung ansatzweise grobmotorisch – man vergisst nie, dass man im Rittersaal von Hellenstein sitzt und bei untergehender Sonne eine fiktive Geschichte vorgesetzt bekommt. Angeschminkte Vollbärte auf weichen Mädchenbacken stehen stellvertretend für die temporäre Transformation von Raum, Zeit und Charakter. Die jungen Darsteller „spielen“; und es macht Spaß, ihnen dabei zuzusehen. Außer den bereits Genannten sei hier verwiesen auf Marc Jahraus als wendiger Einbeiniger oder Andreas Ocker als aufrechter Käptn. Aber „Die Schatzinsel“ ist eine Gemeinschaftsleistung; und so soll hier die Gesamtheit der Mitwirkenden gelobt werden, die auf wie hinter der Bühne. Es wurde erkennbar nachdrücklich gearbeitet, sängerisch, schauspielerisch, tänzerisch und das Potenzial der jungen Amateure zielstrebig ausgereizt.

Und so bleibt am Schluss gerade die Frische und Jugendhaftigkeit des szenischen Eindrucks im Rittersaal zu loben. Das Geschehen aus weit zurückliegenden, rauen Zeiten wird charmant augenzwinkernd präsentiert – als Ergebnis aufwändiger Probenarbeit.

Manfred Allenhöfer